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Die ersten Kapitel lesen

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Begegnung im Wald

Burg de la Roche, Normandie, 1312 n. Chr.

Ihr ganzes Leben lang hatte die Tochter des normannischen Grafen de la Roche nicht begriffen, wie sie jene Tage hatte überleben können. Erinnerungen an ihre Jugend hatten sie auch früher heimgesucht, doch in den letzten Jahren verfolgten sie sie unablässig.

»Mein Ende muss nahe sein. Ein Trost bleibt mir: Bald werde ich meinen Bruder in der anderen Welt wiedersehen«, dachte die ergraute alte Jungfer und schüttelte den Kopf, während sie einsam durch die Stammburg ihrer Familie wanderte.

Die Dienerschaft, die eine Standpauke von ihrer verwirrten Herrin fürchtete, huschte wie Mäuse in die Winkel und hielt sich wohlweislich von ihr fern. Sie nahm das geschäftige Treiben nicht wahr und murmelte leise die seltsamen Namen einer längst vergangenen Zeit vor sich hin. Ihr Blick fiel auf einen Wandteppich, auf dem ein junges Mädchen auf einem prächtigen Ross zu sehen war. Sie blieb stehen und trat näher. Ein Lächeln des Wiedererkennens erblühte auf ihrem faltigen Gesicht wie die ersten Schneeglöckchen im Schnee.

Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken und sog jedes Detail des Wandteppichs mit den Augen auf, während ihre Gedanken zurück in die Jugend glitten.

Burg de la Roche, Normandie, 1256 n. Chr.

Agnes de la Roche schlüpfte auf ihrem schwarzen Hengst Glühwürmchen aus der Burg, in jenem Augenblick vor Tagesanbruch, da die Dunkelheit der Nacht der Macht des Morgens noch nicht gewichen war und die Burg in ihrem tiefsten Schlaf lag.

Um Fragen zu vermeiden, ritt das Mädchen durch die Hinterpforte in Richtung Wald hinaus, wo der treue alte Auguste und seine Söhne Wache hielten.

Die Sonne schob sich gerade erst über die Wipfel der Bäume, und doch schien die Welt ringsum bereits über den bevorstehenden schönen Tag zu frohlocken.

Der Wald empfing sie mit einer berauschenden Mischung von Düften – Blumen, zarten jungen Blättern an den Sträuchern und dem welken Laub des vergangenen Jahres.

Agnes lockerte die Zügel. Glühwürmchen, der die Stimmung seiner Herrin spürte, verlangsamte von selbst den Schritt, stellte aufmerksam die Ohren auf und sog geräuschvoll die Waldluft durch die Nüstern ein.

Auf einer weiten Lichtung stieg sie bei einer vom Blitz gespaltenen Eiche ab, die einem Riesen mit weit auseinandergestellten Beinen glich.

Mit geübtem Griff holte sie ihre Waffen aus dem Versteck in der Baumhöhle: einen Bogen, einen Köcher mit Pfeilen und einen schmalen venezianischen Dolch.

Geschickt richtete sie aus Reisig eine behelfsmäßige Zielscheibe auf, um sich im Schießen zu üben, doch plötzlich erstarrte sie – aus dem Dickicht drangen Stimmen.

Sie machte eine Bewegung auf ihr Pferd zu, doch ihre Neugier hielt sie zurück. Nach kurzem Zögern schlich Agnes vorsichtig näher.

»Bestimmt sind es nur ein paar Diener«, redete sie sich ein, während sie sich heranpirschte. In der Nähe einer Schlucht schlüpfte sie hinter einen Felsblock, atmete den kalten Geruch feuchter Erde und von Moos ein und spähte hinunter.

Unten in der Schlucht, zwanzig oder dreißig Schritt von ihrem Versteck entfernt, unterhielten sich zwei Männer. Der eine saß auf einem Baumstumpf; der andere stand in ehrerbietiger Haltung vor ihm, leicht verbeugt.

Der schwarze Mantel und die weiße Tunika des sitzenden Mönchs waren von Straßenstaub überzogen. Er war äußerst hager und sah erschöpft aus, doch seine Haltung und seine Stimme verrieten einen Mann, der es gewohnt war zu befehlen.

Der zweite Mann hingegen, ein Edelmann mit kurzem schwarzem Bart, trug ein vornehmes Gewand in Gelb und Grün. Eine goldene Kette um seinen Hals und die mit kostbaren Ringen geschmückten Hände kündeten unübersehbar von seinem hohen Rang.

»Eure Ho–«, begann der Stehende.

»Ich wiederhole es: Nennt mich einfach ›Bruder‹.« In der Stimme des Mönchs lag die Kälte von Stahl.

Der Edelmann verbeugte sich schweigend und begann von Neuem, diesmal ohne direkte Anrede:

»Also soll ich überbringen–«

Der Mönch hob warnend die Hand. Der Adlige nickte mit steinerner Miene und fuhr fort:

»–unserem Bekannten mündlich Folgendes überbringen: ›Mein lieber Freund, wie wir erwartet haben, haben die Reben des Languedoc in ganz Frankreich Wurzeln geschlagen. Italienische Weine fallen bei vielen Angehörigen des Adels und selbst des Klerus stark im Preis. Ich bin kurz davor herauszufinden, wer dahintersteckt, doch ich brauche mehr Zeit, um ihre Ziele zu erkennen. Vieles deutet darauf hin, dass das Fest der Weinlese am Tag des heiligen Augustinus beginnen sollte – am 28. August.‹«

Der Mönch, der die Worte der Botschaft lautlos mit den Lippen wiederholt hatte, schloss die Augen und versank in Gedanken.

Der Edelmann begann langsam auf und ab zu gehen.

Als seine Schritte vor Ungeduld immer schneller wurden, fasste der Mönch endlich einen Entschluss.

»Ja. Genau so. Reitet, so schnell Ihr könnt, nach Chartres. Gegenüber der Kathedrale von Chartres, im Gasthaus ›Die Falkenjagd‹, wechselt Ihr das Pferd. Fragt nach dem Wirt Robien und nennt ihm die Worte: ›Der Jagdhund und die Fackel‹. Er wird alles Weitere veranlassen. Außerdem soll er Euch fünfzig Livres tournois aushändigen. Dann reitet Ihr unverzüglich weiter nach Rom.«

Der Chevalier verbeugte sich und wollte sich gerade den beiden angebundenen Pferden zuwenden, als ganz in der Nähe ein Geräusch ertönte.

Agnes hatte sich versehentlich gegen einen losen Stein gelehnt. Mit lautem Krachen polterte er den Hang hinunter auf die Verschwörer zu und brach unterwegs dürre Zweige entzwei. Ein Schwarm aufgescheuchter Krähen stob unter empörtem Krächzen in die Höhe.

Agnes blieb beinahe das Herz stehen.

Der Edelmann riss sein Schwert aus der Scheide.

Beim Aufblitzen der Klinge durchbohrte die Panik Agnes wie hundert Nadeln. Von Angst überwältigt sprang sie auf und stürzte zu ihrem Pferd.

Sie sah nicht mehr, wie blitzschnell der »friedliche« Mönch auf die Beine kam und eine Kampfhaltung einnahm, während ein langer Dolch aus den Falten seines Mantels hervorschoss.

Der Chevalier setzte der zwischen den Blättern aufblitzenden Gestalt nach, doch der eiserne Griff des Mönchs hielt ihn zurück.

»Lasst es. Andere Dinge erwarten Euch«, zischte er und zog den Mann mit Gewalt zu den Pferden.

»Wahrscheinlich irgendein fauler Bengel aus der Gegend, der sich vor der Arbeit drückt«, brummte der Edelmann.

»Hm«, erwiderte der Mönch. »Ich glaube nicht an zufällige Begegnungen in einem düsteren Wald.«

Er schlug das Kreuz über dem Boten, der bereits auf seinen fuchsfarbenen Hengst gestiegen war, und wartete, bis der Chevalier außer Sicht war. Dann raffte auch der Mönch die Säume seiner Tunika und schwang sich auf einen gescheckten Klepper, der trotz seines unscheinbaren Äußeren in munterem Trab davonlief, während sein geheimnisvoller Herr seinen Geschäften nachging.

Bei jedem Rascheln zusammenschreckend, rannte Agnes zu Glühwürmchen.

Wenn diese Männer mich verfolgen, werden sie mich auf der Straße zur Burg sofort entdecken. Ich muss den Umweg durch den Wald nehmen.

Der Waldweg zog sich wie ein Bogen durch das Dickicht und gabelte sich schließlich: Der eine Weg führte nach Chartres und weiter nach Paris – denselben Weg würde später der geheimnisvolle Chevalier nehmen –, der andere zurück zum Haupttor der Burg de la Roche.

Agnes gab ihrem Pferd die Sporen.

Plötzlich, eine Lieue vom Waldrand entfernt, riss sie ein schriller Frauenschrei aus ihren Gedanken.

Mitten im Galopp riss Agnes Glühwürmchen so heftig zurück, dass Pferd und Reiterin beinahe zu Boden stürzten.

Ihre Hand fuhr zum Gürtel – da fiel ihr ein, dass sie ihre Waffen in der Aufregung bei der Eiche zurückgelassen hatte.

Der Schrei ertönte erneut. Agnes biss die Zähne zusammen, brachte Glühwürmchen in einen angespannten Trab und lenkte ihn ins Dickicht.

Am Ufer eines Baches lag eine gefesselte Frau. Ihr langes rotes Haar breitete sich um sie aus wie eine zerknüllte, dünne Decke.

Eine lange Spur zog sich durch die feuchte Erde: Die Unglückliche musste weit gekrochen sein, um ihren Peinigern zu entkommen.

Agnes sprang aus dem Sattel, schöpfte mit beiden Händen eiskaltes Wasser und benetzte Gesicht und Hals der Frau.

Die Ärmste stöhnte und wand sich, als wollte sie noch weiter fortkriechen.

Agnes murmelte beruhigende Worte, während sie sich an den Fesseln zu schaffen machte, doch die unbekannten Entführer hatten das Seil erbarmungslos festgezurrt. Ihre Hände zitterten; die Knoten gaben nicht nach.

Schließlich setzte sie die Zähne an das Seil – und kaum war die Frau frei, stieß diese Agnes von sich, knurrte und sprang zur Seite.

»Ich bin eine Freundin. Habt keine Angst!« Agnes hob beide Hände.

Einige Augenblicke standen sie einander gegenüber, schwer atmend und ohne den Blick voneinander zu lassen.

»Wo ist d’Harcourt?«, krächzte die Frau.

»Mein Name ist Agnes de la Roche«, antwortete sie so ruhig, wie sie nur konnte. »Baron Philippe d’Harcourt ist unser Nachbar, obwohl ich bislang noch nicht die Ehre hatte, ihm zu begegnen.«

»Ehre? Es ist keine Ehre, diesem Schuft zu begegnen«, höhnte die eben Befreite.

Der Ausbruch von Zorn raubte ihr die letzten Kräfte. Sie brach im Gras zusammen.

Agnes rüttelte sie an der Schulter, damit sie nicht wieder das Bewusstsein verlor.

»Aber wer seid Ihr?«

»Melanie … Melanie d’Eville–«

Bei einem Geräusch im Gebüsch riss sie den Kopf herum.

Ganz in der Nähe bewegte sich jemand im Dickicht.

»In den Sattel – schnell!« Agnes führte das Pferd zu ihr.

Melanie gelang es, sich ein wenig aufzurichten, doch gleich darauf sank sie mit einem dumpfen Stöhnen wieder zusammen.

Plötzlich murmelte die Unglückliche etwas Scharfes, beinahe wie eine Beschwörung. Für einen Augenblick kehrten ihre Kräfte zurück, und sie schaffte es in den Sattel. Agnes schwang sich hinter ihr aufs Pferd.

Kaum hatten sie die Straße erreicht, da brach auf allen vieren ein Mann aus dem Wald hervor.

Er war nur wenig größer als ein zwölfjähriger Junge, doch sein gewaltiger Nacken, seine Schultern, Arme und seine Brust zeugten von ungeheurer, geradezu tierischer Kraft. Hinter seinem schwarzen, verfilzten Haar waren seine Gesichtszüge kaum zu erkennen – nur ein Paar hasserfüllter Augen.

Er wandte sich zum Dickicht, stieß einen kurzen Pfiff aus und zog sein Anderthalbhänderschwert.

Agnes bemerkte den Buckel auf seinem Rücken, der seine kantige Gestalt und die seltsame Art, sich fortzubewegen, erklärte.

Ein ähnlicher Pfiff antwortete, und zwei weitere Männer traten auf die Straße.

Der erste war groß und hager. Er hob die Beine hoch und setzte einen Fuß vor den anderen wie eine Spinne, die sich an ihre Beute heranschleicht. Dabei spielte er mit seiner Klinge, ließ sie von einer Hand in die andere gleiten und kicherte raubtierhaft.

Der dritte Gefährte hatte einen kleinen kahlen Kopf, der in keinem Verhältnis zu seinem riesigen Leib stand. Seine kurzen, fleischigen Gliedmaßen wirkten gar, als hätte man sie einem anderen Menschen genommen und gewaltsam an den falschen Körper gesetzt.

Der Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht, auf dem sich ein Ausdruck von Abscheu und Verdruss festgesetzt hatte. Er rang nach Luft; seine Brust hob und senkte sich rasch, während er zischte und keuchte wie ein Blasebalg in einer Schmiede. Mit der einen Hand umklammerte er eine gewaltige Keule, die auf seiner linken Schulter ruhte, die andere stemmte er in die Seite.

Alle drei trugen die rot-gelben Farben des Hauses d’Harcourt.

Der Bucklige erhob seine raue Stimme, die an das Krächzen einer Krähe erinnerte.

»Gnädige Frau, die Kleidung eines Pagen vermag die Schönheit einer Frau nicht zu verbergen – und meine Freunde und ich sind, wie ich gestehen muss, große Liebhaber solcher Schönheit.« Er verbeugte sich spöttisch vor seinen grinsenden Gefährten.

Agnes spürte, wie ihr bei der Anspielung das Gesicht heiß wurde.

Der Bucklige bemerkte ihre Verlegenheit und lächelte kalt.

»Wollt Ihr wirklich wagen, dem Hause d’Harcourt zu nehmen, was ihm gehört? Lasst diese …« Er stockte, als suche er nach dem richtigen Wort. »… Brut des Teufels zurück und reitet weiter, wenn Euch Euer Leben lieb ist.«

Seine Gefährten schwärmten auseinander, um den Frauen den Rückweg abzuschneiden.

Hinter der Wegbiegung erschien ein Ritter auf einem Pferd mit rot-gelb gestreifter Schabracke – ohne Helm, aber bewaffnet. Die »Spinne« und der Dicke wichen zu dem Buckligen auf die Straße zurück, dann rückten alle drei auf die Frauen zu.

Wir sitzen in der Falle.

Agnes wurde eiskalt und ließ die Peitsche so hart auf Glühwürmchen niedersausen wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

Wenn wir nur das Burgtor erreichen. Anderthalb Lieues – dann sind wir gerettet! Man wird uns sehen und uns zu Hilfe eilen!

Das erschrockene Tier schoss in einen so wilden Galopp, dass es seine beiden Reiterinnen beinahe aus dem Sattel warf.

Glühwürmchen sprengte mitten durch die drei Männer, die erst im letzten Augenblick zur Seite sprangen und den Frauen Flüche hinterherschleuderten.

Agnes blickte zurück: Der Ritter hatte die Verfolgung aufgenommen. Zum Glück war sein Pferd – ein gewaltiger Destrier – eher für die Schlacht als für eine Verfolgungsjagd geschaffen.

Doch die Erleichterung über ihre Rettung währte nicht lange.

Glühwürmchen hatte das Gebiss zwischen die Zähne genommen und raste blindlings dahin, ohne auf die Zügel zu reagieren.

Vergeblich versuchte Agnes, den Wind zu übertönen und den Hengst mit ihrer Stimme zu beruhigen.

Schon schoss das Burgtor an ihnen vorbei. Vor ihnen begann ein sanfter, aber äußerst steiniger Abhang, auf dem Glühwürmchen sich bei diesem Tempo unweigerlich die Beine brechen würde.

»Herr, rette und behüte uns!«, stöhnte Agnes.

Melanie beugte sich zum Hals des Pferdes hinunter, rief etwas und riss den linken Zügel herum.

Der Hengst sprang von seinem verhängnisvollen Kurs ab. Melanie zog den Zügel mit aller Kraft an und zwang Glühwürmchen, im Kreis zu laufen.

Glühwürmchen wehrte sich, schlug im Galopp aus – und bei einem seiner Sprünge wurde Agnes aus dem Sattel geschleudert und riss die gerettete Frau mit sich.

Agnes schlug mit dem Kopf auf, und alles verschwamm vor ihren Augen.

Melanie beugte sich über ihre Retterin und rieb ihr die Schläfen mit einem abgerissenen, übel riechenden Kraut. Als Agnes wieder zu sich kam, ließ Melanie von ihr ab und sank erschöpft zu Boden. Glühwürmchen lag unweit von ihnen auf der Seite, völlig entkräftet und schweißbedeckt, zitterte und röchelte.

Herbeigeeilte Diener setzten die Frauen behutsam in eine Sänfte und trugen sie zur Burg.

Der Herr der Burg befahl, Melanie in die Frauengemächer zu bringen. Seiner Tochter sagte er mit finsterer Miene:

»Agnes, komm mit mir.«

Vom Schwindel schwankend folgte sie ihm unsicher in den Saal.

Ihr Vater schwieg lange und musterte sie.

»Vater, verzeiht mir …«, begann sie zaghaft.

Mit einer nervösen Handbewegung schnitt er ihr das Wort ab.

»Ich kann gar nicht ausdrücken, wie zornig ich über deinen wahnwitzigen Streich bin. Denen, die dich aus der Burg gelassen haben, wird das noch leidtun.«

Agnes faltete flehend die Hände.

»Vater, es ist allein meine Schuld.«

»Wer ist diese Frau? Und was ist mit euch geschehen?«

Der Graf ging im Saal auf und ab und versuchte, seine Erregung zu bezwingen.

»Begreifst du überhaupt, in welche Gefahr du dich gebracht hast?«

Er fuhr zu ihr herum. In seiner Stimme lag nicht nur Zorn, sondern auch Angst.

Agnes senkte den Kopf. Der Graf schwieg einen Moment und betrachtete seine Tochter nachdenklich.

»Ich will nicht leugnen, die Geschichte ist seltsam. Und diese Fremde muss befragt werden, sobald sie wieder bei Kräften ist. Höchstwahrscheinlich ist sie lediglich das Opfer von Räubern. Doch dieses merkwürdige Paar geht mir nicht aus dem Kopf … Sind es gewöhnliche Reisende – oder Spione? Die Bretonen haben schon lange ein Auge auf unsere Ländereien geworfen.«

Er ließ den Hauptmann der Wache rufen und befahl ihm, den Wald zu durchkämmen.

»Und du, Agnes, gehst auf dein Zimmer. Keine Ausritte mehr vor die Mauern der Burg!«

Der Tag war bereits weit fortgeschritten, doch kaum berührte Agnes mit dem Kopf das Kissen, fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Es schien ihr, als sei nur ein Augenblick vergangen, als das leise Flüstern ihrer Dienerin Miranda sie weckte.

»Herrin, wacht auf. Ihr müsst Euch beeilen, Euer Vater erwartet Euch.«

Wie sich herausstellte, hatte Agnes den Rest des Tages und die ganze Nacht hindurch geschlafen.

Melanie erwartete sie in einem Sessel am Fenster in der hintersten Ecke des Zimmers. Sonnenstrahlen, die durch die bunten Scheiben gebrochen wurden, tanzten in farbigen Lichtflecken über ihrem üppigen, feuerroten Haar, das kunstvoll zu einer eleganten Frisur gelegt war.

Nach der Ruhe und einem Bad schien die Frau förmlich zu erstrahlen.

Sie mochte etwas jünger als dreißig sein, war groß und von vollendeter Gestalt.

Agnes hätte nicht gedacht, dass es auf der Welt derart schmachtende grüne Augen geben konnte, umrahmt von dichten Wimpern. In ihnen lagen Übermut und Herausforderung, weibliche Verschlagenheit und ein funkelnder Schalk, als müsse ihre Besitzerin jeden Augenblick in Lachen ausbrechen.

Melanie reckte sich anmutig wie eine Katze und streckte den Hals. Dort bemerkte Agnes mehrere Muttermale, die sich auf seltsame Weise zu einer Mondsichel zusammenfügten.

»Meine liebe Freundin«, säuselte Melanie mit sanfter Stimme, »Ihr erlaubt mir doch, Euch so zu nennen? Ich vermag Euch nicht anders zu sehen denn als eine mutige Schwester, die Gott gesandt hat, um mich von meinen Qualen zu erlösen.«

»Ich werde glücklich sein, Euch meine Freundin nennen zu dürfen«, murmelte Agnes, von ihrer Offenheit verlegen.

»Gestern war ich vor Schwäche kaum imstande zu begreifen, wo ich mich befand und wer vor mir stand. Heute aber bin ich glücklich, Euch dafür danken zu können, dass Ihr mich den Händen der Räuber entrissen habt …«

In diesem Augenblick war es, als fiele ein Zauber von der jungen Burgherrin ab. Vor ihr stand eine unglückliche Frau, die nervös auf ihre Lippen biss. Auf ihren Armen zeichneten sich schmerzhafte dunkle Flecken ab, und in ihren Augen lag ein Grauen, das sie geschickt zu verbergen suchte und doch nicht ganz verbergen konnte.

»Habt keine Angst, Ihr seid hier in Sicherheit!« Agnes lächelte. »Wollen wir zu Graf de la Roche hinuntergehen? Das Essen wartet auf uns.«

»Ich sterbe vor Hunger!« Melanie machte einen Knicks.

Als der Graf ihre Schritte hörte, wandte er sich um – und erstarrte, während er das Gesicht seines Gastes aufmerksam betrachtete.

Melanie blieb stehen.

Lange verharrten beide so. Dann kam der Graf wieder zu sich und trat näher.

»Erstaunlich … Ihr seht Sibylla de Courtenay so ähnlich.«

Sein Blick fiel auf die Hände der Fremden. Der Graf erbleichte und murmelte nervös:

»Und dieser Ring.«

Melanie hatte schöne, schlanke Finger. An einem davon zog ein ungewöhnlicher Ring durch seinen Glanz sofort den Blick auf sich: Eine ineinander verschlungene Schlange und eine Rose umwanden einen Türkisstein mit grünem Kern. Das Licht schillerte so lebhaft in dem Stein, und die übrigen Elemente waren derart kunstvoll gearbeitet, dass beinahe die trügerische Illusion entstand, die Schlange bewege sich.

Seltsam, ertappte Agnes sich bei dem Gedanken. Wie konnten die Räuber ein solches Schmuckstück übersehen? Ich glaube, gestern habe ich den Ring gar nicht bemerkt.

Melanie wirkte sichtlich verlegen, erwiderte jedoch, der Graf habe zweifellos recht. Sie entstamme diesem Geschlecht, und viele in ihrer Familie hätten ihre außergewöhnliche Ähnlichkeit mit ihrer Großmutter bemerkt.

»Diesen Ring erhielt ich von ihr als Geschenk zu meiner Hochzeit.«

Die Miene des Grafen hellte sich auf, und halb im Scherz fügte er hinzu, nun sei er geradezu verpflichtet, die Schurken zu bestrafen, um Sibylla die Rettung seines Lebens zu vergelten.

Agnes sah ihren Vater erstaunt an.

»Davon hast du mir nie erzählt.«

»Ein andermal. In meiner Jugend war ich hoffnungslos in diese schöne Dame verliebt – bevor ich deine Mutter kennenlernte, versteht sich.«

Er wandte sich Melanie zu.

»Verzeiht einem alten Mann seine unbeabsichtigte Unhöflichkeit. Mit den Jahren verblassen die Erinnerungen an vergangene Zeiten und malen uns schönere Bilder, als die Wirklichkeit sie je bot. Darin erscheinen uns die Menschen schöner, mutiger und edler als im gewöhnlichen Leben. Jetzt aber sehe ich, dass Ihr noch schöner seid als Sibylla.«

Melanie lächelte geheimnisvoll.

Der Graf verbeugte sich und bat alle zu Tisch.

Der köstliche Duft von Kaninchenragout im Brot erfüllte den Speisesaal und lockte so unwiderstehlich, dass sich die Frauen mit einer Hast über das Essen hermachten, die sich für vornehme Damen kaum geziemte.

Der Hausherr ließ Wein einschenken und einen Birnenkuchen auftragen. Als seine Befehle ausgeführt waren, entließ er die Diener und sah Melanie an.

»Ihr möchtet meine Geschichte hören?«, fragte sie.

»Offen gestanden vergehen wir vor Neugier!«

Melanie nickte und begann zu erzählen.

Die Geschichte des geheimnisvollen Gastes: Mord und Gefangenschaft

Burg de la Roche, Normandie, 1256 n. Chr.

Wie Ihr bereits wisst, heiße ich Melanie d’Eville und entstamme den großen Geschlechtern von Chartres – de Puiset und de Courtenay.

Meine Mutter – eine entfernte Nachfahrin der französischen Könige – ließ keine Gelegenheit aus, ihren Gemahl daran zu erinnern.

Mein Vater erwiderte dann, er könne die Krone auf ihrer Stirn auch so deutlich erkennen, nur bestehe sie aus irgendeinem Grund nicht aus Gold, sondern aus Hörnern.

Darauf bemerkte meine Mutter mit steifer Würde, seine ritterlichen Turniere im Weintrinken hätten nicht nur seinem Sehvermögen, sondern auch seinem Verstand geschadet. Dass er selbst keine Hörner auf dem Kopf trage, sei nicht sein Verdienst, sondern ihrer Tugend zu verdanken.

Bei all ihren Wortgefechten liebten die beiden einander abgöttisch.

Gott schenkte ihnen keine weiteren Kinder, und so gehörte ihre ganze elterliche Liebe mir allein.

Doch innerhalb eines einzigen Jahres änderte sich mein Leben von Grund auf.

Meine Eltern starben an einem Fieber und ließen mich, ein zwölfjähriges Mädchen, allein in der Obhut meiner sonderbaren Großmutter Sibylla zurück, die Ihr, gnädiger Herr, bereits erwähnt habt.

Bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr lebte ich in ihrer abgelegenen Bergburg in Navarra, fern aller Straßen und vor neugierigen Blicken hinter dichtem Efeu und Schwarzdorn verborgen.

Meine Großmutter war eine überaus menschenscheue Frau. Ständig wiederholte sie, nichts auf der Welt sei ihr kostbarer als die Einsamkeit. Deshalb überließ sie mich weitgehend mir selbst und widmete meiner Erziehung nur wenig Zeit.

Sie war derart eigenwillig, dass sie selbst ihre Anweisungen an die Dienerschaft durch mich übermitteln ließ und den größten Teil ihrer Zeit in ihrem Gemach verbrachte.

Wie weit ihre Schrullen gingen, zeigte sich auch daran, dass sie zwar selbst meine Verlobung mit Seigneur Richard d’Eville, Vicomte d’Avesnes, einem Vasallen und entfernteren Verwandten des Grafen de Blois-Châtillon, arrangiert hatte, es aber nicht einmal für nötig hielt, während der Hochzeitszeremonie herauszukommen und uns ihren Segen zu geben. Sie erklärte dies mit dem Schmerz über die Trennung von ihrer geliebten Enkelin.

Mein Gemahl erwies sich als schlanker, unbekümmerter junger Mann, und ich erinnere mich vor allem daran, wie außerordentlich verlegen er in meiner Gegenwart war. Bereits am Tag nach unserer Hochzeit nahmen wir Abschied voneinander: Ich begab mich auf unser Gut Éville, während er sich den Rittern anschloss und dem König von Frankreich auf den Kreuzzug folgte. Dort kam er ums Leben und ließ mich als junge Witwe zurück.

Mehr als fünf Jahre lang verbarg ich mich in meiner Trauer vor der Welt, bis mein Lehnsherr und Verwandter meines verstorbenen Gemahls, der Graf de Blois, mir befahl, zu einem festlichen Ritterturnier zu erscheinen, das anlässlich der Verkündung der Verlobung seiner Tochter Jeanne mit dem Sohn des französischen Königs Louis abgehalten wurde.

Ich will Euch diesmal nicht mit einer Schilderung des Turniers ermüden. Ich sage nur, dass es mich zutiefst erschütterte.

Der Gedanke, der Weg zum Rittertum führe über das Töten, erschien mir unbegreiflich.

Wie naiv ich war! Wie viele Enttäuschungen über das, was man Ritterlichkeit und edle Gesinnung nennt, sollten noch vor mir liegen!

So befand ich mich also auf dem Rückweg vom Ritterturnier zu meinen Besitzungen an der Grenze zur Normandie. Zwei Bewaffnete und eine Dienerin begleiteten mich.

Bis zum Mittag folgten wir der Straße von Chartres, dann bogen wir auf einen Waldweg ein, der zu meinen Ländereien führte.

Meine Männer hatten mich angefleht, die Nacht in Chartres zu verbringen, doch ich wollte so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren.

Heute glaube ich, dass eine unsichtbare Macht mich meinem bösen Schicksal entgegentrieb.

Sanft senkte sich die Dämmerung über den Wald.

Plötzlich huschten zu beiden Seiten des Weges graue Schatten vorbei. Ein kurzes Bellen ertönte und ging in ein markerschütterndes Heulen über.

»Wölfe! Wölfe!«, schrien meine Männer.

Die Pferde wieherten schrill und stürmten, die Gefahr witternd, die Straße entlang. Ein Teil des Rudels brach nun ohne jede Scheu hinter uns aus dem Wald hervor; die übrigen Wölfe liefen auf gleicher Höhe mit den Pferden, tauchten zwischen dem dunklen Gestrüpp auf und verschwanden gleich darauf wieder.

»Schneller, Herrin! Im vollen Galopp!«

Zwei große Wölfe sprangen aus dem Dickicht. Einer verbiss sich in das Hinterbein des Pferdes vor mir, während der andere dessen Reiter aus dem Sattel riss.

Das verletzte Tier schaffte noch einige Schritte, doch ein weiterer Wolf schlug seine Zähne in eines seiner Vorderbeine und brachte das dem Tod geweihte Geschöpf zu Fall.

Wie durch ein Wunder gelang es mir, dem vor mir gestürzten Pferd auszuweichen.

Meine Dienerin hatte weniger Glück. Mit einem verzweifelten Schrei überschlug sie sich hinter ihrer Stute, die über das in Todeskrämpfen zuckende Pferd gestolpert war.

Als der Anführer meiner Männer, Gilles Poiret, ihren herzzerreißenden Schrei hörte, wendete er mitten im Galopp und trieb seinen Hengst auf das Mädchen zu, das auf allen vieren am Boden kauerte.

»Heiliger Hubertus, steh uns bei!«, stieß der Krieger hervor und fasste seine Lanze fester.

Im Vorbeireiten erwischte Gilles einen der Wölfe mit der Lanze und schleuderte das jaulende, sich windende Tier ins Dickicht zu seinen räuberischen Artgenossen.

Hoffnung blitzte in den Augen des Mädchens auf. Vor Schmerzen hinkend lief sie mit ausgestreckten Armen auf ihren Retter zu. Noch einen Augenblick, und sie wäre im Sattel gewesen …

Da sprang der gewaltige Leitwolf auf Gilles’ Pferd und schlug seine Fänge in den ungeschützten Oberschenkel des Reiters. Als der Hengst das Raubtier auf seinem Rücken spürte, bäumte er sich auf und warf Mensch und Tier zu Boden. Dann raste er wiehernd und ausschlagend ins Walddickicht davon.

Die beiden Gegner standen einander im Mondlicht gegenüber, als wären sie Spiegelbilder desselben Kampfgeistes.

Auf der einen Seite der ergraute Krieger, Schwert und Dolch in den Händen, eine furchtbare schräge Narbe quer über das Gesicht.

Auf der anderen der alte Leitwolf mit gefletschten Zähnen und mehreren Narben auf der Schnauze, der sich in tödlichen Kämpfen das Recht erworben hatte, das Rudel anzuführen.

Der Wolf knurrte und sprang.

Er begrub den Mann unter sich und ließ seine Fänge über das Kettenhemd rasseln. Dann erreichte er die Kehle und zerfleischte sie erbarmungslos.

Sein tierisches Herz sang:

Beiß zu! Reiß! Trink das süße Blut!

Plötzlich verstummte das Lied.

Der Leitwolf winselte leise und erschlaffte auf seinem Gegner.

Blutüberströmt stieß der Krieger den zottigen Leib von sich, der noch immer nach Wald, Jagd und unbändiger Lebenskraft roch, und zog seinen Dolch aus dem Tier.

Gilles versuchte sich aufzurichten, doch mit dem Blut aus seinen klaffenden Wunden rann auch das Leben aus ihm.

Schließlich lag er reglos da und bohrte zum letzten Mal seinen endlosen Blick in den Sternenhimmel, ohne die anderen Raubtiere zu beachten, die sich bereits heranschlichen.

Ein Abschiedsheulen hallte durch den Wald. Die Wölfe beklagten ihren gefallenen Anführer und trabten dann hinter einem neuen Leitwolf ihrer Beute entgegen.

Der Wald verzeiht keinen langen Abschied.

So starben die Menschen, die mir treu ergeben waren.

Wie durch ein Wunder waren zwei Packpferde mit meinen Habseligkeiten und dem Reisegepäck unversehrt geblieben und liefen hinter meinem Hengst her.

Verzweiflung und Schuld schnürten mir die Kehle zu. Ich flehte Gott an, die Seelen jener aufzunehmen, die wegen meiner Eile, wegen meines Starrsinns gestorben waren. Hätte ich nur auf den Rat meiner Leute gehört – sie wären alle noch am Leben!

Plötzlich wieherte mein Pferd auf und begann unter mir zusammenzusinken.

In der Dunkelheit bemerkte ich zunächst nicht den Armbrustbolzen, der aus seinem Hals ragte.

Ich rollte mich ins Farnkraut, um mich vor den Angreifern auf der Straße zu verbergen.

Ich erkannte ihren Anführer.

Der bucklige Knappe des Barons Philippe d’Harcourt hatte beim Turnier alle Anwesenden durch seine Kunst mit dem Schwert – und durch sein entsetzliches Äußeres – in Erstaunen versetzt.

Er sog die Luft ein wie ein Spürhund und sagte laut:

»Sie ist ganz in der Nähe.«

Entsetzt sprang ich auf und wollte fliehen, doch im selben Augenblick packten mich schwere Hände, die nach Schweiß und Stahl rochen, und pressten mein Gesicht in die Erde.

Fünf Nächte lang brachten sie mich in eine unbekannte Richtung, gefesselt und quer über einen Pferdesattel geworfen.

Ich versuchte, die Räuber mit den Strafen des Himmels zu schrecken, bot ihnen Lösegeld an – doch alles war vergebens. Meine Entführer blieben taub für jedes meiner Worte.

Nur der widerwärtige Bucklige warf mir hin und wieder ein Stück Brot oder einen Weinschlauch zu.

Aus Bruchstücken ihrer Gespräche begriff ich, dass sie mich auf Befehl Philippe d’Harcourts zu dessen Gut brachten.

Verzweiflung umklammerte mein Herz: Eine junge Witwe ohne nahe Verwandte würde in einer fremden Burg verschwinden, und niemand würde sich auf die Suche nach ihr machen. Sobald man die Überreste meiner unglücklichen Begleiter fand, würde man alles den wilden Tieren des Waldes zuschreiben.

Von den Fesseln schmerzten mein ganzer Körper, meine Arme und Beine entsetzlich. Zunächst musste ich mich von dem Rütteln und davon, kopfüber über dem Sattel zu hängen, immer wieder übergeben; dann fiel ich in eine Art benommenen Dämmerzustand.

Die wirkliche Welt vermischte sich mit fiebrigen Visionen.

Ich sprach mit meinem längst verstorbenen Vater.

Ein anderes Mal kämpfte ich gegen Wölfe, während der entstellte Gilles Poiret, halb Mensch, halb Wolf geworden, das Rudel anführte.

Einmal erschien mir sogar der Herr meiner Entführer selbst.

Philippe d’Harcourt beugte sich über mich und betrachtete mich mit einem schrecklichen Lächeln, in dem nicht die geringste Spur von Mitleid lag – nur die kalte Neugier eines Raubtiers, das seine Beute mustert.

Im nächsten Augenblick krallte ich mich an seinen Hals und würgte ihn mit meiner letzten Kraft, bis mich ein Schlag gegen den Kopf das Bewusstsein verlieren ließ.

Höchstwahrscheinlich war all das nur eine Frucht meines Wahnsinns.

Ich rief nach dem Tod und flehte ihn an, meinen Qualen ein Ende zu bereiten.

Doch eines Morgens, während einer Rast, zerstreuten sich die Entführer, um Feuerholz zu sammeln, und ließen mich unter der Bewachung eines einzigen Räubers zurück.

Ich weiß nicht, was mich leitete – vielleicht irgendeine Eingebung.

An einen Baum gelehnt rief ich ihn zu mir und bat darum, meine Notdurft verrichten zu dürfen.

»Keine Dummheiten!«

Er legte seine Armbrust beiseite und beugte sich hinunter, um die Fesseln an meinen Beinen zu lösen.

Zu meinem Glück hatten die Räuber mir die Hände vor dem Körper zusammengebunden.

Es gelang mir, ihn an seinen schmutzigen Haaren zu packen. Ich riss mich zur Seite und schlug seine Stirn mit aller Kraft gegen den Baumstamm hinter mir.

Der Bandit stöhnte und brach zusammen.

Ich hätte sofort nach einer Waffe suchen müssen, um die Stricke durchzuschneiden, doch damals konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur ein einziger Wunsch beherrschte mich: so schnell wie möglich von diesem Ort fortzukommen.

Zuerst hüpfte ich auf meinen gefesselten Beinen davon. Dann stolperte ich und stürzte in eine Schlucht.

Ich kroch weiter, zwang meinen Körper vorwärts und wiederholte immer und immer wieder nur einen einzigen Satz, bis ich das Bewusstsein verlor:

Überlebe – und lass sie alle bluten!

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